Was haben Neuronen mit dem Burnout-Syndrom zu tun?

Es stellt sich die Frage, was haben Neuronen mit dem Burnout-Syndrom zu tun? Immer klarer zeigen Forschungen auf,  dass der Mensch nicht nur auf seine Gehirnfunktionen reduziert werden darf. Es ist ein Irrtum zu denken, dass Denken und Verhalten  eine reine Konstruktion unseres Gehirns sei.


Könnte es nicht auch umgekehrt sein?

Die Bedeutung der sozialen Lebensweise des Menschen (mit seinem Gehirn) wird unterschätzt.

Der Mensch ist als ganzheitliche und individuelle Persönlichkeit entstanden um eigenverantwortlich zu denken und zu handeln.

Anti Aging

Unser Leben findet innerhalb eines Gefüges von zwischenmenschlichen Beziehungen statt, in Ehe und Familie, am Arbeitsplatz oder in Gemeinschaften, in der Gesellschaft und in der ganzen Welt.

Wir leben in zwischenmenschlichen Beziehungen und das ist für unser Gehirn entscheidend, denn ohne diese könnte unser Gehirn gar nicht funktionieren.

Das Zusammenleben macht das Gehirn zu dem, was es ist: Gedächtnis, Erinnerung, Erfahrung.

Unsere Umwelt-Erfahrungen formen unsere Gehirn-Strukturen?

Neue Entdeckungen in der neurobiologischen Forschung belegen dies.

Zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen formen neuronale (nervliche) Strukturen unseres Gehirns und legen Reaktionsmuster des Gesamtorganismus fest.

Das genetische Programm stellt nur die anatomischen Gehirnteile bereit. Es sind dann die Erfahrungen des Kindes, welche die Feinregulierungen der Nervenverbindungen bestimmen, wovon die Funktionsweise des Gehirns abhängt.

Diese Regulierungen bis ins Feinste durch Erfahrungen, die wir in der Umwelt machen, gehen auch im Erwachsenenalter weiter.

Unser Gehirn besitzt  spezialisierte Systeme, die auf Beziehungsaufnahme und -gestaltung angelegt sind, die Spiegel-Neuronen (Spiegel-Nervenzellen).

Neuronale Plastizität

Zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen und das, was sie an Emotionen und an Lernerfahrungen mit sich bringen, werden in Nervenzell-Netzwerken des Gehirns gespeichert.

Geistige Tätigkeit, Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen hinterlassen im Gehirn biologische Spuren und Veränderungen.

Die „Landschaften“ im Gehirn verändern sich stetig, weil Ereignisse, Erlebnisse und Lebensstile die Aktivität von Genen steuern und im Gehirn Strukturen verändern.

Was haben unsere Gene damit zu tun?

Unsere Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert.

Wir sind nicht wie Computer, die auf eine starr festgelegte Weise funktionieren und so unser ganzes Leben lang programmiert bleiben.

Gene unterliegen Einflüssen, die ihre Aktivität regulieren.

Und da hat unsere Lebensgeschichte mit ihren Beziehungserfahrungen einen wesentlichen Anteil.

Gene oder Umwelt, beides funktioniert nur gemeinsam.

Das bedeutet aber auch, dass wir durch die Gestaltung unserer Beziehungen entscheidend daran mitwirken, was sich biologisch in uns abspielt und wie wir unsere Gesundheit beeinflussen können.

Lassen uns Spiegel-Neuronen Fühlen und Nachahmen? Spiegel-Nervenzellen können sich das, was wir bei einem anderen Menschen beobachten, so einprägen, dass wir es selbst fühlen und daher auch gut nachahmen können.

Säuglinge, z. B..  zeigen als erstes kommunikatives Verhalten die Spiegelung der mütterlichen Gesichtsausdrücke und den Klang ihrer Stimme.

Der wechselseitige Signalaustausch zwischen Mutter und Säugling ist sehr bedeutungsvoll für die Entwicklung des Säuglings.

Spiegel-Neuronen sind vermutlich die neurobiologische Grundlage für das Vorbild lernen.

Brauchen wir Kontakte?

Das menschliche Erleben und das Lernen brauchen persönliche Beziehungen.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Stressforschung ist, dass gute zwischenmenschliche Beziehungen nicht nur im Gehirn abgebildet und gespeichert werden, sondern dass sie die am besten wirksame und völlig nebenwirkungsfreie ‘Droge’ gegen seelischen und körperlichen Stress darstellen.

In zwischenmenschlichen Beziehungen bewegt sich unser seelisches Erleben und bewahrt sich unsere körperliche Gesundheit.

Überall da, wo sich Quantität und Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen vermindern, erhöht sich das Krankheitsrisiko.

Unser Gehirn bewertet?

Die Erfahrungen in der zwischenmenschlichen Beziehung, die der Mensch von klein auf gemacht hat, werden in seinem Gehirn, in Nervenzell-Netzwerken, gespeichert und bei ähnlichen Situationen wieder abgerufen.

In Sekundenbruchteilen gleicht das Gehirn eine Situation mit gespeicherten Erinnerungen an ähnliche Situationen ab.

Dadurch kommt eine Bewertung der Situation zustande, die sich aus den Erfahrungen ergibt.

Hier kommen wir bei Stress und Schmerzerfahrungen an, die in der heutigen Zeit äusserst aktuell sind.

Ist unser Alltag nicht von Hektik und Stress geprägt?

Zahlreiche Menschen klagen über täglichen Stress am Arbeitsplatz, der sich bis in die Gestaltung des Familienlebens auswirkt.

Stress  in zwischenmenschlichen Beziehungen löst biologische Alarm Reaktionen aus.

Einen „Stressdämpfer mit Langzeitfolgen“ stellen sichere Bindungen des Kindes zu seinen Bezugspersonen dar.

Und auch im Erwachsenenalter schützen zwischenmenschliche Bindungen die biologischen Stresssysteme.

Können seelische Belastungssituationen Schmerzen hervorrufen?

Wenn Menschen unter langandauernden Schmerzerfahrungen leiden, hinterlassen diese eine „Inschrift“ (Engramm) im emotionalen Schmerzgedächtnis, das sich im limbischen System befindet.

Die Schmerzerfahrungen verändern die Aktivitäten von Genen, sodass es zu Veränderungen von Verschaltungen und zum Umbau von Nervenzell-Netzwerken kommt.

Diese „Inschriften“ können für längere Zeit stumm bleiben und eine Art „Winterschlaf“ abhalten, währenddessen keine Beschwerden auftreten.

In seelischen Belastungssituationen können diese jedoch reaktiviert werden und chronische Schmerzen hervorrufen, ohne dass am Ort der Beschwerden ein organischer Befund vorliegt.

Manche Ärzte diagnostizieren: Burnout-Syndrom

Was ist das Burnout-Syndrom? Jeder von uns kennt das: Müdigkeit, ausgelaugt sein, lustlos, frustriert, hoher Blutdruck, Schulter- und Rückenschmerzen, Herzklopfen oder niedriger Blutdruck und wir kommen schwer in die Gänge. Mit 130 dieser und ähnlicher Symptome  wird es beschrieben. Aber wann hat man das Burnout-Syndrom?

Wer bei einem Burnout-Test viele Punkte erzielt, tut dies auch bei einem Depressions-Fragebogen. Es legt eine Verwandtschaft nahe, oder handelt es sich nicht um ein und dieselbe Krankheit?

Kann man das Gefühl „ausgebrannt sein“ sicher diagnostizieren oder jemanden erklären, er leide nicht am Burnout-Syndrom, obwohl er total erschöpft und ausgelaugt ist?

Warum interessieren sich so viele für das Syndrom?

Es ist in aller Munde. Würden wir uns als erschöpft oder frustriert bezeichnen, würden wir in die Kiste „… sind wir doch alle mal …“ fallen.

Haben wir aber das Burnout-Syndrom, dann zeigen alle Verständnis, denn es scheint auch ein Synonym zu sein, für diejenigen, die überarbeitet sind, die ihr Engagement für die Arbeit, die Freizeit oder die Familie krank gemacht hat.

Burnout-Syndrom das „Schlusszeichen“ unserer Zeit?

Die Anfangszeichen betreffen uns alle. Wir sind überbelastet. Im Beruf müssen wir Schritt halten, die Familie fordert uns und wir selbst fordern uns auch.

Wollen wir nicht auch ein Spiegelbild dieser immer jünger scheinenden, modernen, mobilen Welt sein? Und irgendwann kommen wir an unsere Grenzen?

Was bleibt dabei auf der Strecke?

Die Ursachen des Burnout liegen in der Mehrheit der Fälle im zwischenmenschlichen Bereich.

Aber die Auswirkungen zeigen sich  in hohem Masse in körperlichen Beschwerden.

Laut einer AOK-Studie klagen 30-35 Prozent der Erwerbstätigen über starke, objektiv beschreibbare psychische Belastungen.

Über 70 Prozent der Erwerbstätigen klagten über Verspannungen, Rückenschmerzen oder Abgeschlagenheit.

Sie nannten als Belastungsfaktoren unter anderem ein schlechtes Betriebsklima, ungerechte Behandlung durch den Vorgesetzten, Eintönigkeit, Hektik und eine dadurch verursachte innere Abneigung gegen die Arbeit.

Wann haben Sie sich das letzte mal  „so richtig“ fallen lassen können?

Haben Sie so einen Ort, wo Sie nicht die verantwortungsvolle Sekretärin sind, der Betriebsleiter, der alles im Griff hat, oder die engagierte Lehrerin sind?

Einen Ort, wo Sie aus dieser Rolle schlüpfen können abschalten können, aufgefangen werden?

Was kann Burnout-Betroffenen helfen?

Wird das Syndrom aus dieser Sichtweise gesehen bleibt nur die Empfehlung zur ärztlichen Hilfe eine spezifische psychotherapeutische Behandlung zu beginnen.

Bei denen die Betroffenen lernen können, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen so zu gestalten, dass ihre seelische und körperliche Gesundheit am Arbeitsplatz z. B. keinen Schaden nimmt.

Beziehungen können heilen?

Zwischenmenschliche Beziehungen wirken massiv in uns hinein und nicht nur die „Seele“, sondern auch Gene, neurobiologische und körperliche Strukturen des Organismus beeinflussen, ist es nicht überraschend, dass die Heilung für Körper und Seele ebenfalls in der zwischenmenschlichen Beziehung stattfindet.

Und wenn die Erfahrungen in der zwischenmenschlichen Beziehung einen prägenden Einfluss auf seelische und neurobiologische Strukturen haben, dann müsste Psychotherapie bei Personen mit seelischen Gesundheitsstörungen nicht nur zu einer Beseitigung der seelischen Probleme, sondern auch zu neurobiologischen Veränderungen führen.

Dazu liegen in neuerer Zeit faszinierende wissenschaftliche Daten vor.

Die Auswirkungen von Psychotherapie konnten mit Hilfe bildgebender Verfahren neurobiologisch sichtbar gemacht werden.

Man konnte zeigen, dass Psychotherapie dazu führen kann, dass sich neurobiologische Veränderungen, die sich begleitend zu einer seelischen Gesundheitsstörung entwickelt haben, wieder zurückbilden.

Was ist das Wesentliche?

Zum Schluss kommen wir auf das Wesentliche in unserem Leben zurück: die Gestaltung guter zwischenmenschlicher Beziehungen in Ehe, Partnerschaft und Familie, am Arbeitsplatz, in Freundschaften, in Gemeinschaft und Gesellschaft.

Johann Wittmann

Was-haben-Neuronen-mit dem-Burnout-Syndrom-zu-tun / Pixabay
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